Spätherbst in Oberschlesien; eine Begegnung am Rande

 Ein Restaurierungsprojekt brachte mich, damals noch als Studierender am A. R. Goering-Institut in München, im Spätjahr 2006 nach Breslau.

Bei der Arbeit am Chorgestühl
Bei der Arbeit am Chorgestühl

Im Rahmen einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mit angehenden jungen Restauratoren der polnischen Fachakademie in Thorn, unterstützt vom Europäischen Zukunftsfonds, war unsere anspruchsvolle Aufgabe, ein stark in Mitleidenschaft gezogenes Patrizier-Chorgestühl aus dem XVI. Jahrhundert in der St. Elisabethkirche in Breslau zu restaurieren.

Oberschlesien im Spätherbst, das war für mich damals eine beeindruckende und unvergeßliche Reise. Breslau – die auf zwölf Inseln erbaute heilige Stadt an Oder und Weichsel, mit 112 Brücken verbunden, war über Jahrhunderte unter deutschen, polnischen und auch tschechischen Einfluß. Wer die Stadt, so wie ich, mit der Bahn erreicht, die wunderschöne Steinbogenbrücke bei Löwenberg hinter sich gelassen, dem gebührt bereits am Wroclaw-Glowny, dem Breslauer Hauptbahnhof, ein palastartiger Empfang. Das im seinerzeit typisch preußischen Duktus, der stark vom britischen Tudor-Stil beeinflußt war, errichtete Gebäude, steht in seiner Eleganz dem bayrischen Königschloß Hohenschwangau in keiner Weise nach. Eine schöne Vorfreude auf eine großartige historische Stadt, und ein schönes Restaurierungsprojekt, das meine Kollegen und mich erwartete.

Hier ging ich täglich.
Hier ging ich täglich.

Unsere Arbeit ging gut und mit viel Elan voran. Der Hausherr unseres Projekts, ein polnischer Pfarrer und Armeeangehöriger, versorgte uns in seiner gut temperierten Wohnstube im Pfarrhaus gegenüber der kalten, doch etwas ungemütlichen St. Elisabethkirche mit Kaffee, Brot, den typisch schlesischen Brühwürsten, und Bier.

Untergebracht waren wir in den Gebäuden einer etwas außerhalb des Zentrums gelegenen Offiziersschule im Rosenthal.

Trotz des von dort doch recht weiten Weges in die Altstadt verzichtete ich auf die Fahrt mit dem Bus und zog einen Fußweg durchs schöne Rosenthal und der Oder entlang vor. Ich wollte den Tag allein in Ruhe beginnen – in Gesellschaft mit den Kollegen war ich ja bei der Arbeit noch den ganzen langen Tag… 074

Meine stets angenehmen Begleiter am Weg waren immer die sympathischen, listig dreinschauenden Nebelkrähen.

Ab der Warschauer Brücke, einer herrlichen Eisenkonstruktion um 1900, war es dann mit der Ruhe vorbei; Kolonnen von Fahrzeugen donnerten auf dieser Ausfallstraße im Morgennebel an mir vorbei. Mitten im Gewühl und im Dunst der Abgase – ich traute meinen Augen kaum – ein sehr junger Mann, stoisch einen mit Eisenschrott vollbepackten klapprigen Fahrradanhänger ziehend. Trotz des hohen Gewichts seiner Ladung hatte er bald die Brücke überschritten und verschwand bei der riesenhaften, leerstehenden Schultheiss´schen Brauerei in eine Seitenstraße. Ich ging zügig weiter stadteinwärts, um nicht zu spät zu kommen. Jedoch es war nicht unsere letzte Begegnung.

Schon am darauffolgenden Tag traf ich ihn wieder – ich nannte ihn fortan den „Eisenmann“; diesmal vor einem im Umbau befindlichen Zinshaus, zwei alte gußeiserne Schwerkraftheizkörper auf seinen Fahrradanhänger wuchtend.

Und die kommenden Tage sah ich ihn wieder, fast immer um die gleiche Zeit, sich durch Blechlawinen, unsäglichen Lärm und Emission, wie von Gott vergessen, in einer brausenden bedrohlichen Welt kämpfend, um abends vielleicht eine Handvoll Zloty für das gesammelte Eisen nach Hause zu nehmen. Mich stimmte sein Dasein nachdenklich, geradezu traurig.

070Freitag im Morgengrauen. Der Nebel überm Fluß war schon den ersten Sonnenstrahlen gewichen. Auch meine steten Begleiter, die listigen Krähen, freuten sich über die Novembersonne. An der Warschauer Brücke Stillstand, kein Vorwärtskommen mehr. Auf dem äußeren Fahrstreifen der mit einigen Meter langen Eisenrohren bepackte Fahrradanhänger abgestellt; davor auf dem Bordstein sitzend der Eisenmann, sein Gesicht in den Händen vergraben.

Ich fragte ihn, ob er Hilfe brauche. Er schaut mich an, fragt mich wiederum,

Du Deutsch? Ich verstehe!“ „Wir müssen hier weg, auffi do, ich helf´ Dir mit dem Wagen“, sagte ich. Mit vereinten Kräften schafften wir es alsbald von der Brücke wegzukommen. Was müssen wir für ein Bild gewesen sein, der polnische Eisenmann im verdreckten Blaukittel und der einzelne unbekannte Deutsche in Sakko, Weste und weißem Hemd gekleidet, gemeinsam den Altmetalltransport durch die Verkehrshölle wuchtend… hatte mich unser Akademiedirektor, Meister Kügler so gesehen, ich wäre gespannt was er dazu kommentiert hätte.

Ich begleitete ihn noch ein Stück stadteinwärts. Vorne bei der Straßenbahn-kreuzung richtete gerade eine Frau ihren Kiosk ein, stellte ein paar Stühle unter ins Laub unter die herbstlichen Bäume. Ich fragte „Nehmen wir ein Frühstück?“, bot Eisenmann an Platz zu nehmen und bestellte Kaffee und Butterhörndl. Er muß sich sehr gefreut haben. Im Gespräch sagte er immer wieder „Barin“ zu mir. „Nein, bin nicht Barin, ich bin Student“ entgegnete ich. So verging die Zeit.058

Beim Abschied wollte er mir etwas geben. „Nein, das brauchst nicht. Es hat mich gefreut!“ sagte ich. Zwischen den meterlangen Eisenrohren war ein Metallkübel eingezwängt, aus dem zwischen allerlei Wasserhähne, Türgriffen, Schrauben verkeilt eine uralte bunte Blechdose hervorlugte. Eisenmann zog sie vorsichtig heraus. In der Morgensonne konnte ich, verborgen unter einer dicken Schmutzschicht, ein mir wohlbekanntes Motiv sehen. Es zeigt eine Darstellung des Alten Spital und der Henkerbrücke über die Pegnitz. Darüber eine zerkratzte Prägeschrift „Gruß aus Nürnberg“. Eine uralte, etwas verbeulte Weißblechdose mit bunten Lithophanbildern verziert, in die vor Zeiten edle Lebkuchen verpackt waren. „Ein Souvenir aus altem Haus, nimm mit, ist alles was ich Dir geben kann“. Ich dankte und wünschte ihm alles Gute.054

Dann trennten sich unsere Wege wieder. Ich schaute Eisenmann mit seinem schweren Transport noch lange nach. Zur Arbeit in der St. Elisabethkirche war ich nun zwei Stunden überfällig. Meister Kügler hätte den Grund meines späten Eintreffens vermutlich nur mit einem fragenden Blick quittiert.

So habe ich eine Landpartie an diesem sehr warmen, leuchtenden Novembertag der wissenschaftlichen Arbeit in der kalten Kirche vorgezogen…048

Bald erreichte ich einen weiteren gigantischen Ziegelbau, Wroclaw-Nadodrze, den Bahnhof Odertor, damals lediglich noch mit einem einzigenfreundlichen Bahnbeamten besetzt. Ich löste eine Karte bis Oels, einer wie sich herausstellen sollte, wunderschönen schlesischen Provinzstadt. Fast noch sommerlich gekleidet, mit Sonnenbrille blickte ich aus dem offenen Abteilfenster in die wunderbare, etwas in Vergessenheit geratene Landschaft; sah Gutshäuser, welche teilweise sehr schön restauriert waren und welche, die noch besseren Zeiten entgegen dämmerten. Bei den vielen kleineren Bahnhöfen trat der jeweils Diensthabende während der Durchfahrt auf den Bahnsteig, den Lokführer grüßend. Herrliche Tage mit fast spätsommerlichen Temperaturen lagen noch vor mir. Ich besuchte das von der Heiligen Hedwig gegründete Kloster Trebnitz und wanderte im nahen Eulengebirge zum Aussichtsturm und auf die legendäre Burgruine Kynast.

Eisenmann´s alte Lebkuchendose war alsbald randvoll mit getrockneten Schwammerl, und dazu drei Rollfilme belichtet mit eindrucksvollen Natur- und Eisenbahnmotiven.

Ich hatte schon damals viel Freude an der Natur, menschlichen Begegnungen, Kulturräume und Landschaften abseits der ausgetretenen Pfade, die in unserer Zeit eigentlich zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Ich wußte und weiß wie zu gestalten; schon damals in Oberschlesien, gerade als „spätberufener Studierender“, wo Bares eher Rares war. Für einen Zugfahrschein; und nach der Tour ein gutes Abendessen und ein paar Bier zusammen mit den Kollegen im „Schweidnitzer Keller“, direkt neben unserer St. Elisabethkirche, hat es doch gereicht. 073

Die alte Nürnberger Lebkuchendose habe ich immer noch; sie steht nun, wieder mit getrockneten Schwammerl gefüllt, im Küchenbuffet beim Engelwirth.

Was immer bleiben wird, sind die Eindrücke, die Zeit die ich draußen in der Natur und bei Tieren verbringen durfte; und nicht zuletzt die Begegnung mit guten friedfertigen Menschen. Diese sind wertvoll, ja geradezu unbezahlbar.

Mit diesen Wünschen allen Freunden vom Hofgut Engelwirth eine gesegnete Weihnachtszeit und ein gesundes friedvoller Neues Jahr!

Nachlese: Das heutige moderne Wroclaw zählt derzeit über 630.000 Einwohner, davon mehrere Zehntausend Studenten. Es ist zur Kulturhauptstadt Europas des Jahres 2016 auserkoren worden. Ich empfehle jedem an Kultur und an der Natur Interessierten, Oberschlesien und seine freundlichen, pro-europäisch gesinnten Menschen zu besuchen. Das Tor zum Westen steht weit offen.076

Die Stadt hat ihre großen Schäden, die ihr in bewegten Jahrzehnten und als sie, im II. Weltkrieg zur „Festung Breslau“ ernannt und heftigst umkämpft, über 70% ihrer historischen Gebäude verloren hatte, nun vollkommen verheilt. Sie strahlt heute im neuen Glanz, schöner als je zuvor.

Einen Baustein dazu haben auch die Restauratoren aus dem polnischen Thorn und dem bayrischen München in der St. Elisabethkirche beigetragen.

Ich denke, bei aller Bescheidenheit, dürfen wir ein klein wenig stolz darauf sein.

Mag. Marcel Sauter

Arbeit an der Hand – auf gleicher Augenhöhe

Ich persönlich mag sehr gerne die klassische Arbeit an der Hand. Teils hat sie etwas mit Bodenarbeit zu tun, teils ist es Dressur vom Boden aus. Auf jeden Fall dient diese Form der Kommunikation mit dem Pferd der Gymnastizierung des Pferdes ohne Reitergewicht und ist theoretisch noch bis ins hohe Alter ausführbar.001

Einer meiner Ausbilder erzählte gerne die Geschichte eines betagten Lipizzaner-Hengstes der Spanischen Hofreitschule, der aufgrund  seines medizinischen Befundes nicht mehr geritten werden sollte. Sobald man ihm aber den äußeren Zügel an den Hals legte und die Touchiergerte in die Hand nahm, begann er mit Begeisterung zu piaffieren, als ob dies seine ganz alltägliche und selbstverständliche Aufgabe sei. Dies war seine tägliche Arbeit, auf die er keinesfalls verzichten wollte, und sie schadete ihm auch nicht, sondern hielt ihn mental und körperlich fit.

Es verleiht dem Zusammensein von Mensch und Pferd eine neue, nochmals ganz andere Note, wenn man sich auf Augenhöhe begibt und dann, zusammen mit seinem vierbeinigen Partner, einmal das Zusammenspiel von Schritt/Mensch und Trab/Pferd ausprobiert: geht das überhaupt – neben einem Pferd zu gehen, während dieses trabt? Wieviel Tempo bzw. Versammlung brauche ich dafür? Oder ist es eher umgekehrt: der Mensch will laufen, das Tier jedoch lässt sich nur mit Mühe hinterherschleifen?007

Oder die Seitengänge. Wieviel Abstellung oder Biegung brauche ich eigentlich für ein vernünftiges Schulterherein? Vom Boden aus und ohne Spiegel bzw. aus der terrestrischen Perspektive kein einfaches Unterfangen.023

Und die Königs-Lektion: die Piaffe. Das Pferd wird es einem sagen, wann man mit den ersten Anfängen der Erarbeitung dieser ausdrucksstärksten aller Lektionen beginnen kann. Klar, es gibt Pferde, die dazu fast schon alles mitbringen. 064Aber wir wissen es doch: alle Pferde können, ihren Anlagen gemäß, diese Form der Gewichtsverlagerung und Koordination der Versammlungskraft erreichen, wenn sie nur behutsam und mit Geduld und Liebe herangeführt werden. (Mein nun 26-jähriger ehemaliger Vielseitigkeits-Kracher und Oldenburger Wallach  erlernte diese Lektion erst mit zunehmendem Alter so um die 13).043

Die Arbeit an der Hand ist eine willkommene Abwechslung im Trainingsalltag und erfrischt Körper und Seele von Mensch und Pferd gleichermaßen. Der Mensch: darf auch mal vorwärts oder rückwärts gehend seine Kondition und Koordination unter Beweis stellen – v.a. im Winter eine willkommene Aufwärmarbeit. Das Pferd: darf auch einmal mehr sein Vertrauen in „seinen“ Menschen unter Beweis stellen – sieht es doch bei dieser Arbeit in der Regel auf ihn herab, während es die gewünschten Aufgaben für und mit dem Zweibeiner ausführt. Was gibt es schöneres als diesen Vertrauensbeweis?084