Arbeit an der Hand – auf gleicher Augenhöhe

Ich persönlich mag sehr gerne die klassische Arbeit an der Hand. Teils hat sie etwas mit Bodenarbeit zu tun, teils ist es Dressur vom Boden aus. Auf jeden Fall dient diese Form der Kommunikation mit dem Pferd der Gymnastizierung des Pferdes ohne Reitergewicht und ist theoretisch noch bis ins hohe Alter ausführbar.001

Einer meiner Ausbilder erzählte gerne die Geschichte eines betagten Lipizzaner-Hengstes der Spanischen Hofreitschule, der aufgrund  seines medizinischen Befundes nicht mehr geritten werden sollte. Sobald man ihm aber den äußeren Zügel an den Hals legte und die Touchiergerte in die Hand nahm, begann er mit Begeisterung zu piaffieren, als ob dies seine ganz alltägliche und selbstverständliche Aufgabe sei. Dies war seine tägliche Arbeit, auf die er keinesfalls verzichten wollte, und sie schadete ihm auch nicht, sondern hielt ihn mental und körperlich fit.

Es verleiht dem Zusammensein von Mensch und Pferd eine neue, nochmals ganz andere Note, wenn man sich auf Augenhöhe begibt und dann, zusammen mit seinem vierbeinigen Partner, einmal das Zusammenspiel von Schritt/Mensch und Trab/Pferd ausprobiert: geht das überhaupt – neben einem Pferd zu gehen, während dieses trabt? Wieviel Tempo bzw. Versammlung brauche ich dafür? Oder ist es eher umgekehrt: der Mensch will laufen, das Tier jedoch lässt sich nur mit Mühe hinterherschleifen?007

Oder die Seitengänge. Wieviel Abstellung oder Biegung brauche ich eigentlich für ein vernünftiges Schulterherein? Vom Boden aus und ohne Spiegel bzw. aus der terrestrischen Perspektive kein einfaches Unterfangen.023

Und die Königs-Lektion: die Piaffe. Das Pferd wird es einem sagen, wann man mit den ersten Anfängen der Erarbeitung dieser ausdrucksstärksten aller Lektionen beginnen kann. Klar, es gibt Pferde, die dazu fast schon alles mitbringen. 064Aber wir wissen es doch: alle Pferde können, ihren Anlagen gemäß, diese Form der Gewichtsverlagerung und Koordination der Versammlungskraft erreichen, wenn sie nur behutsam und mit Geduld und Liebe herangeführt werden. (Mein nun 26-jähriger ehemaliger Vielseitigkeits-Kracher und Oldenburger Wallach  erlernte diese Lektion erst mit zunehmendem Alter so um die 13).043

Die Arbeit an der Hand ist eine willkommene Abwechslung im Trainingsalltag und erfrischt Körper und Seele von Mensch und Pferd gleichermaßen. Der Mensch: darf auch mal vorwärts oder rückwärts gehend seine Kondition und Koordination unter Beweis stellen – v.a. im Winter eine willkommene Aufwärmarbeit. Das Pferd: darf auch einmal mehr sein Vertrauen in „seinen“ Menschen unter Beweis stellen – sieht es doch bei dieser Arbeit in der Regel auf ihn herab, während es die gewünschten Aufgaben für und mit dem Zweibeiner ausführt. Was gibt es schöneres als diesen Vertrauensbeweis?084

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