S´ Kirchle vom Barbel–Opa z´ Überlingen

Zu meiner Kindheit in Überlingen, bei meinen Großeltern in der Barbelstraße, war der Dachboden des idyllisch gelegenen Hauses, mit all seinen verborgenen Schätzen, für mich als Bub (und, was ich damals freilich noch nicht ahnte, als späterer Restaurator) stets ein geradezu magnetischer Anziehungspunkt.

Zwischen einer Sammlung von frühesten 50er Jahren Comicheft´l etwa von Westernhelden aus „Silberpfeil“ und „Lederstrumpf“ und der unvermeidlichen „Mickey Mouse“; Kästen und Bettgestellen; einem in mehreren schönen Holzkisten gelagerten, geschätzten Jahrhundertvorrat von Kernseife der Marke „Schicht“ und Bleichmittel von „Henko“ und „Sil“, daneben ganz ohne Marke und etwa Label – nein, ein Unikat und liebevoll in sicher vielen Stunden mit Herzblut handgearbeitet; ein Miniaturkirch´l ganz aus Holz und mit Kupferdach, und mit detailgenauer Einrichtung von Heiligenbildchen, einem Altar, den dazu gehörenden Kerzenleuchtern und Blumentöpfen bis zum Betschemel und einen Glöck´l im filigranen Turm… nicht zu vergessen einer mit eingebauten, bis heute einwandfrei per Handaufzug funktionierenden Miniatur – Kirchturmuhr.

Woher kam dieses Kleinod, was mich als Bub so faszinierte, wer hat es einst erschaffen? Den Barbel – Opa Josef konnte ich schon damals leider nicht mehr fragen, er war leider schon, als ich erst vier Jahre alt war, anno 1971 verstorben.

Gerne hätte ich ihn noch viele weitere Jahre gehabt; ich hätte bestimmt von ihm noch vieles Wertvolle aus der Natur und der Tierwelt und von einem Landwirt, der von einem Großgrundbesitz im badischen Linzgau stammte, und der den Beruf eines Staatsbediensteten des regionalen Tierzuchtamtes bekleidete, lernen können und für mein Leben verwenden. Beide waren wir uns doch ähnlich, nicht nur in der Liebe zur Landwirtschaft und den Tieren; auch der Eigenwilligkeit; wir beide, Opa Josef und auch ich waren und sind nicht nur Besitzer einer Landwirtschaft, auch vom Sternzeichen beide Stier – ja, und mein Vater hat Opa und mir diese, in seinen Augen „Sturschädligkeit“ in diesem Sternzeichen in so manchen Dingen auch als Gemeinsamkeit bestätigt…

Erschaffen hat das Kirchle ein Uhrmachermeister aus Radolfzell am Bodensee, Herr Pfefferle. Er hatte ein Geschäft in der Radolfzeller Altstadt, nahe den „Griene Winkel“ und dem Großgebäude des „Scheffelhof“, wo sich auch die Dienststelle meines Großvaters befand. Einer seiner zahlreichen Radolfzeller Freunde war auch der Uhrmacher Pfefferle, bei dem er öfter nach Dienstschluß im Tierzuchtamt verkehrte. Von ihm hat er auch in den späten Vierziger Jahren das Kirchle erworben, mit der Auflage, „daß nu en Bue, der au Ministrant isch, des Kirchle e mol kriege soll“.

Nun ist das Kirchle, seit ich denken kann, bei mir. Ich war als Bub nie bei den Ministranten, einige Jahre war ich bei den Pfadfindern, und später, als junger Erwachsener war ich lediglich dazu „berufen“, ein Jahr als Zivildiener beim Katholischen Pfarramt in Überlingen abzuleisten. Mehr nicht.

Da dies meinen Glauben nicht wanken ließ, und ich mich schon immer viel mehr den Orten der Stille und der schlichten Einkehr verbunden fühlte und fühle, als bei den großen Kathedralen mit all dem Prunk, den vielen Menschen, hat das Kirchle nun auch den Weg in die Steiermark gefunden, wo es an den Feiertagen bei schönem Wetter draußen vor dem Hofgut Engelwirth, im Hintergrund der Blick auf Koralpe und die Karawanken, aufgestellt wird.

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